,,Geema anne Bude fürn Bia!" Das ist typisch für das Revier, früher auch Kohlenpott, als die Schlote noch vielerorts qualmten. Die Schornsteine und die roten Nachthimmel zwischen Hamm und Hamborn sind verschwunden, die meisten zumindest, aber die Buden sind geblieben. Kiosk, sagen die Zugereisten, Trinkhalle die Bürgerlichen, aber was die richtigen Kohlenpottler sind: für sie ist es nach wie vor die Bude. Sie löschen den Durst des Reviers, gehören zum Stadtbild wie Kirche und Amtshaus.
Eigentlich hießen sie früher Seltersbuden, wo man, vor allem die Kinder, das Knickerwasser kaufte. Ein gläserner Knicker - auch Murmel genannt -verschloss die Pulle. Um an das köstliche Nass zu gelangen, musste man diesen mit einem ,,Stöcksken", manch einer schaffte das auch mit dem Zeigefinger, in die Flasche stoßen. Gut gekühlt mit Stangeneis - das Eis wurde in großen Blöcken von starken Männern per Kühlwagen herangeschafft - löschte es nicht nur Männerdurst.
Wann die Bude ins Revier kam, wissen nicht einmal die Historiker. Keine Sozialgeschichte macht genaue Angaben. Doch die Vermutung geht dahin, dass irgendwann im 19. Jahrhundert die Buden im Zuge der Industrialisierung aus dem Boden schossen. Klümpken und Selterswasser mit den grünen Knicker liefen wie geschmiert. Und Rollmöpse, Bratheringe, Tabak und Kautabak in Steintöpfen, Soleier nicht zu vergessen, waren fest im Angebot. Die Bude von damals ist tot. Das Sortiment ist breiter geworden. Zeitungen, Zeitschriften, Taschenbücher, Konserven und Wurst erinnern eher an den Tante-Emma-Laden, dem eigentlich ein ganzes Kapitel zu widmen wäre.
So verwundert es nicht, dass seit einigen Jahren die gute alte Bude
im neuen Gewand erscheint, ordnungsamtlich dem Gaststättengewerbe
zugewiesen, was scharfe Kontrollen bedeutet. Schnaps und Bier dürfen
an der Bude nicht geschluckt werden, drei Schritt rechts oder links schaut
allerdings höchstens der vornehme Spaziergänger hin. Jedenfalls
muss der Inhaber über lebensmittelrechtliche Vorschriften unterrichtet
sein. Wie sich die Zeiten geändert haben.
Doch kehren wir zurück in die gute, alte Vergangenheit. In Gerthe
kannte jeder die Bude Kitsch. Es gab auch Buden in der Hans-Sachs-Straße,
an der Hutroper Landwehr, an der Schwerin-Straße, aber die Bude von
Rang war Kitsch. Begeben wir uns also auf die Spurensuche. Genaues weiß
niemand. ,,Natürlich, Kitsch, bin ich auch früher hingegangen."
Aber viel mehr ist nicht drin. Hilft vielleicht das Telefonbuch weiter.
Da - Kitsch. Den Hörer aufgenommen, die Nummer gewählt. Wissen
Sie etwas über Kitsch in Gerthe. Negativ, wir wohnen in Altenbochum,
mit dem Kitsch haben wir nichts zu tun. Wir sind schon öfter angerufen
worden. Nein, mein Mann weiß auch nichts. Hörer aufgelegt. Ende.
Ratlosigkeit. Wie ist es mit dem Stadtarchiv. Man erzählt sich in
Gerthe, die Bude stehe unter Denkmalschutz. Frau Schmidt meldet sich: ,,Kitsch,
am Castroper Hellweg, ja, warten Sie mal!" Pause. ,,Bedaure, im Augenblick
kann ich nichts machen. Wir haben das Problem mit dem Schimmelpilz. Rufen
Sie in drei Wochen noch einmal an." - ,,Verstehe. Danke."
Dann die Gewissheit. Die Bude steht wirklich unter Denkmalschutz. Aus
dem Faxgerät schlängeln sich 1,40 m Papier:
Das nachfolgend beschriebene und gekennzeichnete Objekt wird gemäß
§ 3 in Verbindung mit § 2 Abs. 1 u. 2 und § 1 des Gesetzes
zum Schutz und zur Pflege der Denkmäler im
Lande Nordrhein- Westfalen (Denkmalsschutzgesetz-DSchG NW) in die
Denkmalliste der Stadt Bochum eingetragen.
KARTEINUMMER:xxx
Teil der Denkmalliste: A
Lfd. Nr. Im o.a. Listenteil 412
KURZBEZEICHNUNG: Kiosk (heute Trinkhalle) und Bedürfnisanstalt
Baujahr. ca. 1928
LAGE:
Straße/Hausnummer:
Castroper Hellweg 365
Gemarkung:
Hiltrop
Flur:
4
Flurstück:
1130
Nähere Beschreibung des Objektes:
Wesentliche charakteristische Merkmale:
kleines eingeschossiges Gebäude auf länglich-achteckigem
Grundriß. Bauzeit ca. 1928. Hohes Walmdach mit Biberschwanzdeckung.
Als Straßenfassade ein Portikus von sechs paarig angeordneten, sich
nach oben verbreiternden Pfeilern getragen, darüber eine gestufte
Attika, deren oberer Abschluss zur Mitte einsinkt.
An der Straßenseite zwei Türen (die linke vermauert), seitlich
von je einem
Fenster und je einem weiteren in der abgeschrägten Schmalseite
begleitet Fenstergitter und Tür neu. Rückwärtig in den abgeschrägten
Seiten die Toiletteneingänge mit originalen Türen mit zugehörigen
Fenstergittern. In der Längswand vier kleine Toilettenfenster, ebenfalls
mit originaler Vergitterung. Mittig ein weiterer Eingang (ebenfalls vermauert),
davor eine vierstufige gerade Treppe mit gemauerten, leicht geschwungenen
Wangen. Die dreistufigen Treppen vor den Toiletteneingängen dreiseitig
begehbar. Die Ecken der Stufenumbrüche abgeschrägt Es ist zu
vermuten, daß zu den obengenannten Funktionen
ursprünglich noch die eines Straßenbahnhaltestellen-
Unterstandes kam.
Das Gebäude ist bedeutend für die Stadt Bochum und die Ruhrgebietsregion, weil es eine regionaltypische Bauaufgabe dokumentiert. Kioske und Trinkhallen sind vorwiegend in Gegenden anzutreffen, die von Arbeitern geprägt wurden. Für Erhaltung und Nutzung sprechen wissenschaftlich-baugeschichtliche und funktional-städtebauliche Gründe. Auffallend an dem Kiosk ist die sorgfältige Gestaltung der Architektur in gemäßigt expressiven Formen. Dafür ist besonders der Portikus zu nennen, mit den sich nach oben verbreiternden Pfeilern und der kristallinen Form der Attika. Die Gestaltung des Kiosks in Anklängen an ein Torhäuschen bzw. eine Parkarchitektur zeigt das Bemühen, die städtebauliche Situation gegenüber dem großen Straßenbahnbetriebshof der damaligen Westfälischen Straßenbahnen GmbH ansprechend herzurichten, umgeben von einer kleinen Grünfläche mit Bäumen. Für Schichtwechsler und Straßenbahngäste wurde ein gepflegter Sammelpunkt geschaffen.
Datum der Eintragung: 4. Dezember 1996
STADT BOCHUM
Der Oberbürgermeister Im Auftrage
Siegel der Stadt Bochum Unterschrift
Dipl. -Ing. Göschel
Meine Eltern waren immer mit Lust und guter Laune in ihrem Geschäft.
Nur so konnte eine Arbeitszeit von 6.00 Uhr morgens bis ca. 22.00 Uhr abends
bewältigt werden. Diese Arbeitszeit lief die ganze Woche durch, einschließlich
sonntags. Urlaub gab es so gut wie nie, nach dem Motto: Das Geschäft
geht immer vor Die Kitschbude war Treffpunkt für jedermann. Die Straßenbahn
führt ja bekanntlich direkt vor der Halle her und diese war somit
zentraler Punkt als Wartehalle, gleichzeitig aber auch als Verkaufshalle.
Babies wurden in der ,,Bude ,, gewickelt und versorgt Meine Mutter erzählte
mir, dass ich selbst als Kleinkind auf einer Bank ins Geschäft gelegt
wurde. Vater gab oft gute Ratschläge, und da eine gute Beziehung zu
allen Kunden herrschte, gab es Beratung in allen Lebenslagen.
Morgens um 6.00 Uhr kamen die Bergleute von Lothringen und spülten
ihren Staub aus der Kehle. So entstand eine Art Stammtisch für die
Kumpel. Wehe wenn die Halle um 6..00 Uhr noch nicht geöffnet war .
Dann gab´s Zoff.
Bei dem großen Luftangriff, Pfingsten 1943, löschten mein
Vater und ich eine Brandstelle an der Halle mit Jauche. Hinterher stanken
wir furchtbar, und unsere Hände und Arme wiesen zahlreiche Brandwunden
auf.
Bei den jährlichen Veranstaltungen auf dem damaligen Festplatz gleich nebenan hatten meine Eltern alle Hände voll zu tun. Vor allem unser Eis war sehr gefragt Häufig, vor allem auch noch im Krieg, mein Vater hatte nämlich noch Restbestände von Eispulver aus der Vorkriegszeit, standen die Leute Schlange vor unserer Halle, um ein Eis zu ergattern. Allerdings durften wir während der Kriegsjahre nur sonntags unser Eis verkaufen. Dann stand Vater an der Eismaschine und drehte fleißig die Kurbel Manchmal halfen ihm dabei auch Schüler; sie bekamen dann anschließend eine Portion gratis.
Eine Besonderheit unserer Bude war auch, dass wir eine Konzession für Flaschenbier hatten. Die Kunden konnten es in der Halle verzehren, was ja heute strikt verboten ist. Klar, es ging ja alles sowieso viel gemütlicher zu.
Ein trauriges Kapitel muss allerdings auch noch angesprochen werden. Auf dem Festplatz nebenan waren seit 1943 Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter untergebracht, die bei schwerster Arbeit äußerst dürftig und elendig untergebracht waren. Meine Eltern haben ihnen, soweit es in ihren Kräften stand, immer geholfen. Es war gefährlich, weil es Denunziation gab. Nach Kriegsende brauchten meine Eltern allerdings keine Furcht vor den Zwangsarbeitern zu haben.
Heute, im Jahre 2000, steht die ,,Bude" leer. Der hintere Teil dient nur noch als Bedürfnisanstalt für die Sinti und Roma aus der Wohnwagenburg. Nach 40jähriger Tätigkeit schließt ein Kapitel Gerther Geschichte ab. Nach der Familie Kitsch wechselt der Besitzer der Bude häufig. Die Haltestelle wird mit der Umgestaltung des Castroper Hellwegs 50 m weiter in Richtung der Haltestelle Betriebshof verlegt. Die letzte Pächterin wird Edith Krupotz, bis im Jahre 1997 die alte Wartehalle endgültig schließt. Frau Kastropp, geborene Kitsch, die die Geschichte der Halle aus eigener Erfahrung genau kennt, zuletzt hat sie die Halle ohne ihre Mutter für zwei Jahre betrieben, bleiben nur die Erinnerungen. Wie sie selbst sagt, schöne Erinnerungen.